Heinz Barta
Der Gabentausch
Broschiert, 13 x 22 cm
ISBN 978-3-7097-0307-6
Erscheinungsdatum: 30.06.2022
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DER AUTOR ÜBER DAS WERK:
In dieser Studie über den ›Gabentausch‹ bei den Trobriandern Melanesiens, ist danach zu fragen, ob uns dieser heute noch etwas zu sagen hat; aber auch, welche Fragen es zu stellen gilt. Mein Zugang zum Thema ist ein rechtlicher, rechtshistorischer und dieser Zugang bestimmte mein Interesse und die von mir gestellten Fragen. – Dazu kam eine persönliche Koinzidenz: Als letzter Assistent Franz Gschnitzers kannte ich seine Arbeit über die Unterscheidung entgeltfremder oder -freier Rechtsgeschäfte/Leistungen von den unentgeltlichen und entgeltlichen, die Gschnitzer 1935 veröffentlicht hatte; in Unkenntnis der Arbeiten zum ›Gabentausch‹. Gschnitzers Überlegungen stellten sich bei mir umgehend wieder ein, als ich den ›Gabentausch‹ zu bearbeiten begann; und es war mir eine Freude, die Phänomene ›Gabentausch‹ und entgeltfremde oder -freie Rechtsgeschäfte zusammenzuführen, zumal sie zusammengehören!
Inhaltlich deute ich den ›Gabentausch‹ des melanesischen ›kula‹ (anders als B. Malinowski und vor allem M. Mauss) als verwirklichte Utopie, zumal ich die Institution ›kula‹ nicht nur als ›Mittel‹ (persönlichen Besitzerwerbs) verstehe, sondern ihr auch einen namhaften ›Zweck‹ zuschreibe; und dieser ›Zweck‹ war kein geringerer, als Frieden, Freundschaft und gemeinsames Wohlergehen in der eigenen Gemeinschaft und mit Nachbarvölkern zu schaffen. – Das von Bronislaw Malinowski aufbereitete umfangreiche Material nütze ich aber auch dazu, um eine neue Epochentrennung im Bereich des Normativen vorzuschlagen: eine Grenze zwischen der Ära der ›Gegenseitigkeit‹/Reziprozität/Vergeltung und jener des ›Rechts‹, was neue inhaltliche und begriffliche Klarstellungen ermöglicht.
Anders als der Titel des Buches vermuten läßt, geht es darin neben dem Gabentausch auch um die Entstehung von ›Recht‹, ›Rechtsgeschäften‹ und die Anfänge von ›Gerechtigkeit‹.
Heinz Barta, dessen intensive Beschäftigung mit dem griechischen Rechtsdenken bis ins Jahr 2000 zurückreicht, ist in den letzten Jahren durch maßgebliche Publikationen in diesem Bereich hervorgetreten. [...]
Nunmehr überrascht er das interessierte Publikum durch sein [...] Werk, in welchem er den titelgebenden "Gabentausch" bei den Trobriandern Melanesiens als Ausgangspunkt seiner weitergehenden Überlegungen heranzieht. Dabei dienen insbesondere die klassischen ethnologischen Studien von Malinowski ("Argonauten des westlichen Pazifik") und Mauss ("Die Gabe") als zentrale Bezugspunkte. Barta geht jedoch über einen rein ethnologischen bzw. soziologischen Ansatz hinaus und nimmt im Hinblick auf seine Fragestellungen und das Textverständnis (auch) eine dezidiert juristische Perspektive ein. Unter Rückgriff auf das umfangreiche Material, welches sich insbesondere bei Malinowski findet, entwirft er das Modell einer "neuen Epochentrennung im Bereich des Normativen", indem er eine vorrechtliche "Ära der Gegenseitigkeit" von jener des "Rechts" absondert. Eingebettet in diesen kontextuellen Rahmen leistet das vorliegende Werk — unter Einschluss der von Franz Gschnitzer bereits 1935 dargestellten Kategorie der entgeltfreien bzw. -fremden Rechtsgeschäfte — darüber hinaus einen wertvollen Beitrag zur Frage der Entstehung und Typisierung von Rechtsgeschäften.
Aufbauend auf den Überlegungen zu "Gegenseitigkeit" und "Gabentausch" identifiziert Heinz Barta in Abkehr zu den bislang gängigen Lehrmeinungen den (zunächst entgeltfremden und erwiderungsbedürftigen) Tausch als älteste Geschäftsform und Ausgangspunkt für die weitere Vertragsentwicklung.
Es bleibt zu hoffen, dass die künftige Auseinandersetzung mit den vorgelegten Ergebnissen dazu beiträgt, bestehende Lücken in Bezug auf die Normentwicklung im Allgemeinen und die Genealogie der Rechtgeschäfte im Speziellen zu schließen und allfällige Irrtümer zu korrigieren.
12.03.2024 - notabene, Ausgabe 186; Philipp Dobler
Institut für Zivilrecht der Universität Innsbruck