Siegmar Lengauer (Hrsg)
Volksgerichtsverfahren zur Aufklärung von NS Euthanasieprogrammen
Broschiert, 15 x 23 cm
ISBN 978-3-7097-0359-5
Erscheinungsdatum: 13.02.2024
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Der Sammelbegriff »Euthanasieprozesse« umfasst in erster Linie die justizielle Auseinandersetzung mit NS Euthanasie-Programmen im Rahmen der österreichischen Volksgerichtsbarkeit zwischen 1945 und 1955. Aus historischer Sicht sind die damaligen Verfahren gut dokumentiert: Es sind zahlreiche Vernehmungsprotokolle und Schriftstücke zu unterschiedliche Verfahrensschritten und Entscheidungen erhalten. Diese belegen, dass die volksgerichtlichen Verfahren zunächst ambitioniert aufgenommen wurden. In Anbetracht dessen, dass es insbesondere in der Tötungsanstalt Hartheim bei Linz zur systematischen Ermordung von tausenden untergebrachten Menschen gekommen ist, haben die Prozesse schlussendlich aber zu wenigen Verurteilungen geführt. Dieser Umstand wurde von Historiker*innen bereits eingehend analysiert und interpretiert. Vor allem die kontinuierliche Arbeit der Zentralen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz ist diesbezüglich zu erwähnen. Zu der bisherigen Beschäftigung mit der justiziellen Aufarbeitung der NS Euthanasie-Programme in Österreich, soll das vorliegende Buch eine eingehende juristische Untersuchung der prozessrechtlichen Grundlagen der Volksgerichtsverfahren hinzufügen. Es handelt sich dabei um die gesammelten Ergebnisse eines mehrjährigen Projekts, das im Rahmen des Forschungsschwerpunktes Procedural Justice an der Johannes Kepler Universität Linz durchgeführt wurde. Beginnend im Sommersemester 2021 untersuchten sechs Nachwuchswissenschaftler*innen die prozessuale Rechtsgrundlage mit Bezug zu konkreten Ermittlungs- und Hauptverfahren, die sich in den dokumentierten Gerichtsakten darstellten. Der Fokus lag auf jenen Volksgerichtsverfahren, die den Tatkomplex rund um die Heil- und Pflegeanstalt Hartheim und die Klinik Niedernhart zum Gegenstand hatten.
AUS DEM INHALT:
Siegmar Lengauer
NS Euthanasieprogramme als Endpunkt eines präventiven Konsequenzialismus
Sandra Ploberger
Die Rolle des Zeugen im volksgerichtlichen Verfahren am Beispiel der Hartheim-Prozesse
Irene Roiß
Die Abschlussentscheidung der Staatsanwaltschaft im volksgerichtlichen Vorverfahren – Mit Blick auf die Hartheim-Prozesse
Simone Coser
Der Aufgabenbereich des Untersuchungsrichters in der österreichischen Volksgerichtsbarkeit
Johannes Dietrich
Der Befehlsnotstand - Eine Untersuchung anhand von Volksgerichts-Prozessen
Melanie Prammer
Volksgerichtsbarkeit als Sonderform der Laiengerichtsbarkeit
Fabian Eigner
Das Gnadenverfahren – Ein »Rechtsmittel« als Ausweg der Todesstrafe bei Verfahren vor dem Volksgericht in den Jahren 1945 bis 1955
„Volksgerichtsverfahren zur Aufklärung von NS Euthanasieprogrammen“ ist ein relevantes und umfassendes Werk, das einen signifikanten Beitrag zur juristischen Aufarbeitung der NS-Euthanasieprogramme in Österreich leistet. Dieses Buch, basierend auf den Ergebnissen eines mehrjährigen Forschungsprojekts an der Johannes Kepler Universität Linz, beleuchtet die prozessrechtlichen Grundlagen und Herausforderungen der österreichischen Volksgerichtsbarkeit zwischen 1945 und 1955, insbesondere in Bezug auf die systematische Ermordung in der Tötungsanstalt Hartheim bei Linz.
Die historische Dokumentation der Euthanasieprozesse, gut erhalten in Vernehmungsprotokollen und Gerichtsakten, zeigt ambitionierte Anfänge der Volksgerichtsverfahren, die jedoch nur zu wenigen Verurteilungen führten. Das Buch fügt der bisherigen historischen Analyse eine juristische Perspektive hinzu, indem es die prozessrechtlichen Aspekte untersucht, die zu diesen Ergebnissen führten.
Besonders interessant sind die Untersuchungen zum Befehlsnotstand und zur Sonderform der Laiengerichtsbarkeit in diesen Prozessen, die tiefe Einblicke in die Komplexität der juristischen Aufarbeitung dieser dunklen Kapitel der Geschichte bieten. Die Bedeutung dieses Buches liegt nicht nur in seinem Beitrag zur juristischen Forschung, sondern auch in seinem Potential, die öffentliche Wahrnehmung und das Verständnis der Nachkriegsjustiz in Bezug auf NS-Verbrechen zu vertiefen. Es zeigt auf, wie rechtliche Rahmenbedingungen, institutionelle Strukturen und individuelle Entscheidungen die Aufarbeitung und Sühne der NS-Euthanasieprogramme beeinflussten.
Das Werk ist ein unverzichtbarer Beitrag für Historikerinnen, Juristinnen und alle, die sich mit der Aufarbeitung von NS-Verbrechen auseinandersetzen. Es bietet nicht nur eine fundierte juristische Analyse, sondern auch eine notwendige Reflexion über Gerechtigkeit, Verantwortlichkeit und das menschliche Vermögen, aus der Geschichte zu lernen. „Volksgerichtsverfahren zur Aufklärung von NS Euthanasieprogrammen“ ist ein wichtiges Buch, das die Notwendigkeit einer sorgfältigen und kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit unterstreicht, um eine gerechtere Zukunft zu gestalten.
27.03.2024 - Blickpunkte Ausgabe 2/2024, S. 62; Markus Drechsler
[...] Die volksgerichtlichen Verfahren sind in Hinblick auf die Verfahrenserledigungen von Historiker:innen bereits eingehend untersucht worden. Eine Betrachtung der verfahrensrechtlichen Grundlagen aus juristischer Perspektive fehlte hingegen noch. Diese Lücke schließt das vorliegende Werk. [...]
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der gut lesbare Sammelband nicht nur Jurist:innen und Historiker:innen auf eine Reise durch die Verfahren der Nachkriegsjustiz zur Aufarbeitung der NS Euthanasie-Verbrechen mitnimmt und dabei ein sehr deutliches Bild von der damaligen Verfahrenswirklichkeit vermittelt. Dabei gelingt es, bei einem sehr beklemmenden Thema sachlich und objektiv zu bleiben. Im Zentrum stehen die Fragen des Verfahrensrechts und weniger die Gräueltaten der NS-Zeit. [...]
[...] die Nachwuchswissenschaftler:innen [haben] mit diesem Forschungsprojekt einen bedeutenden Beitrag zur Aufarbeitung der Volksgerichtsverfahren aus juristischer und auch historischer Perspektive geleistet.
18.10.2024 - JSt Heft 2/2024, S. 178 f; Lisa Schmollmüller